Wie schlau kann eine Stadt sein?
Eine intelligente Stadt nutzt die Potenziale digitaler Technologien, um das täglich Leben einfacher, sicherer und nachhaltiger zu organisieren. Infrastruktur, Mobilität, Energie und Entsorgung – alles ist vernetzt.
Doch eine Smart City denkt noch weiter: Sie schafft Raum für Bildung, Innovation und persönliche Entfaltung. Digitale Lernangebote, vernetzte Schulen und lebenslanges Lernen gehören genauso dazu wie barrierefreie Zugänge zu öffent-
lichen Räumen und digitalen Diensten – für wirklich alle Bürge-rinnen und Bürger. Das Ziel? Eine lebenswerte, gerechte und zukunftsfähige Stadt, in der jeder Mensch mitgenommen wird.
Die Smart City ist keine plötzliche Erfindung
Schon in den 1970er-Jahren experimentierten Städte wie Los Angeles mit ersten Verkehrsmanagementsystemen. Damit entstand die grundsätzliche Idee, mithilfe von Technologien städtische Herausforderungen zu meistern.
Mit Einführung des Internets in den 1990er-Jahren rückten dann Informations- und Kommunikationstechnologien stärker in
den Fokus. Verschiedene Städte begannen, Daten nicht einfach nur zu sammeln, sondern aktiv zur Verbesserung von Dienstleistungen zu nutzen.
Mit der Jahrtausendwende und dem Aufkommen von Smartphones, GPS und Sensoren veränderte sich die Situation noch einmal grundlegend: Städte konnten nun in Echtzeit auf die gesammelten Daten reagieren, beispielsweise auf Verkehrsstaus, Umweltwerte oder Stromverbrauch. Gleichzeitig begannen große Tech-Unternehmen wie IBM oder Cisco, das Konzept der „intelligenten Stadt“ systematisch zu entwickeln und als Geschäftsmodell zu entdecken. 2011 fand in Barcelona der erste „Smart City Expo World Congress“ statt, der mittlerweile zu einer jährlichen Veranstaltung geworden ist, die die Entwicklung von Smart Cities dokumentiert.
Der Mensch rückt in den Mittelpunkt
Doch es blieb nicht bei reiner Technik. Immer stärker wurde der Mensch ins Zentrum gerückt:
Eine Smart City sollte nicht nur effizient, sondern auch inklusiv, nachhaltig und lebenswert sein.
In Städten wie Barcelona, Kopenhagen oder Singapur wurden ehrgeizige Projekte gestartet – von digitaler Bürgerbeteiligung über smarte Bildungsplattformen bis hin zu grünen Mobilitätskonzepten.
Die Digitalisierung ist kein Selbstzweck
Die Entwicklung der Smart Cities ist eine Reaktion auf tiefgreifende gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Veränderungen. Einer der wichtigsten Treiber ist das rasante Wachstum urbaner Räume. Bis 2030 wird die Zahl der Städte mit mehr als 10 Millionen Einwohnern weltweit auf 43 ansteigen. Bis 2050 werden voraussichtlich bis zu 70 % der Weltbevölkerung in Städten leben, was zu enormen Herausforderungen bei Infrastruktur, Mobilität, Energieversorgung und Wohnraum führt. Mit dem rasanten Wachstum von Großstädten steigt somit auch der Druck, urbane Räume effizient und nachhaltig zu gestalten.
Nicht zuletzt zwingt auch der Klimawandel die Städte weltweit dazu, ihren CO2-Ausstoß zu redu-zieren und Ressourcen smarter zu nutzen. Digitale Tools können dafür konkrete Lösungen bieten, etwa im Verkehrsmanagement oder in der intelligenten Energieverteilung. Auch Bildung, Sicherheit und Gesundheitsversorgung lassen sich durch digitale Mittel verbessern und zugänglicher gestalten.
Neueste Technologien wie das Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz oder Big Data ermöglichen es heute, die komplexen städtischen Systeme in Echtzeit zu überwachen, zu analysieren und gezielt zu steuern. Gleichzeitig steigt auch der Anspruch der Bürgerinnen und Bürger an Transparenz, Beteiligung und Servicequalität, was digitale Innovationen in der Stadtverwaltung und öffentlichen Diensten vorantreibt.
Die einzelnen Handlungsfelder
Smart Governance
Smart Governance nutzt digitale Plattformen, um die Verwaltung transparenter und bürgernah zu gestalten, etwa durch Online-Beteiligungsverfahren oder Echtzeit-Feedbacksysteme. Zudem ermöglichen datenbasierte Analysen eine schnellere und fundiertere Entscheidungsfindung in Bereichen wie Stadtplanung, Sicherheitsmanagement und Ressourcenverteilung.
Smart Environment
Durch den Einsatz vernetzter Sensoren können Städte Umweltfaktoren wie Luft- und Wasserqualität, Lärm oder Temperatur kontinuierlich überwachen und gezielt Maßnahmen ergreifen. Smart Environment trägt dazu bei, Energieverbrauch und Abfallmanagement effizienter zu gestalten und ökologische Risiken frühzeitig zu erkennen.
Smart Mobility
Intelligente Verkehrssteuerung, vernetzte Verkehrsmittel und digitale Mobilitätsplattformen ermöglichen eine flexible, effiziente und umweltfreundliche Fortbewegung in der Stadt. Im Rahmen von Smart Mobility werden dabei nicht nur der öffentliche Nahverkehr und Sharing-Angebote besser koordiniert, sondern auch Staus reduziert und CO2-Emissionen nachhaltig gesenkt.
Smart People
Digitale Bildung, lebenslanges Lernen und offene Wissenszugänge stärken die Kompetenzen und Teilhabe der Bevölkerung in einer zunehmend vernetzten Welt. Städte wollen gezielt digitale Fähigkeiten, kreative Potenziale und soziale Innovationen fördern, um eine aktive, informierte und vielfältige Stadtgesellschaft zu entwickeln.
Smart Living
Durch vernetzte Geräte und smarte Systeme wird das tägliche Leben in der Stadt komfortabler und sicherer gestaltet. Im Bereich Smart Living profitieren Bürgerinnen und Bürger von automatisierten Haushaltsfunktionen, intelligenten Sicherheitslösungen und personalisierten Dienstleistungen, die den Lebensstandard erhöhen und gleichzeitig Energieeffizienz und Nachhaltigkeit fördern.
Vor welchen Herausforderungen stehen die
intelligenten Städte?
Zahlreiche Herausforderungen können Entwicklung und Implementierung der Smart Cities erschweren. Datenschutz und Datensicherheit sind hier am wichtigsten. Die riesigen Datenmengen, die zur Steuerung der Stadtentwicklung genutzt werden, müssen strengen Sicherheitsvorkehrungen und Gesetzen unterliegen, um Missbrauch und den Verlust der Privatsphäre zu verhindern. Hinzu kommt die Gefahr von Cyberangriffen auf kritische Infrastrukturen wie Verkehr, Energie- und Wasserversorgung, die zu erheblichen Störungen und Schäden führen können.
Zudem erfordert die Entwicklung von Smart Cities erhebliche finanzielle Investitionen und eine kluge Ressourcennutzung.
Hard- und Software, Netzinfrastruktur, Smart Grids, digitale Plattformen für Bürgerbeteiligung, Systeme wie intelligente Straßenbeleuchtung, automatische Objekterkennung oder Verkehrsüberwachung kosten erst einmal Geld.
Dabei muss sichergestellt werden, dass die Vorteile digitaler Technologien allen zugänglich sind und keine soziale Kluft entsteht. Auch die öffentliche Akzeptanz spielt eine Schlüsselrolle. Dabei gilt es, Berührungsängste gegenüber moderner Technik abzubauen und den Mehrwert der neuen Entwicklungen zu garantieren und verständlich zu erklären.
Heute verstehen wir Smart Cities als dynamische Ökosysteme, die sich ständig weiterentwickeln. Das geht nicht nur durch Technologie, sondern durch das Zusammenspiel von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft.
Der Weg dorthin ist nie linear, sondern voller Experimente, Fehler und Lernprozesse. Aber er zeigt deutlich: Die Stadt der Zukunft ist nicht nur smart, sondern auch sozial, nachhaltig und für alle da.
Foto: © Henriquee Ferreira, Unsplash
1 Zürich
Die smarteste Stadt der Welt
Zürich wurde 2025 bereits zum fünften Mal in Folge vom „IMD (International Institute for Management Development, Schweiz) Smart City Index” zur smartesten Stadt der Welt gekürt. Das Ranking entsteht durch eine Kombination aus technologischen Daten sowie Umfragen unter den Bewohnern. Insgesamt wurden 142 Städte weltweit analysiert. Zürich erhielt dabei durchweg Spitzenbewertungen für Infrastruktur, Mobilität, Gesundheitsversorgung, Sicherheit, Stadtverwaltung und Umweltmanagement. In der Kategorie „Strukturen“ erhielt die Stadt in der Schweiz sogar die maximale Bewertung „AAA“ und für Technologie ein „AA“.
Die Stadt setzt konsequent auf datenbasierte Lösungen, um Mobilität, Energie, Verwaltung und Umwelt nachhaltiger und effizienter zu gestalten. Im öffentlichen Raum erfassen Sensoren laufend Verkehrs- und Umweltdaten, die in Echtzeit analysiert und genutzt werden, etwa zur dynamischen Steuerung des Verkehrs oder zur Optimierung der Abfallentsorgung.
Ein zentrales Element ist die nahtlose Mobilität: Öffentliche Verkehrsmittel, Leihfahrräder, E-Scooter und Carsharing-Angebote sind über eine gemeinsame Plattform buchbar. Künstliche Intelligenz hilft dabei, Fahrpläne an die tatsächliche Nachfrage. anzupassen. Gleichzeitig wurde das Stromnetz modernisiert, sodass erneuerbare Energiequellen effizient integriert werden können. Gebäude werden zunehmend mit digitalen Energiemanagementsystemen ausgestattet, um den Verbrauch zu senken und Ressourcen zu schonen.
Auch die Stadtverwaltung ist digital zugänglich. Viele Behördengänge lassen sich online erledigen, und Bürgerinnen und Bürger werden aktiv in Entscheidungsprozesse eingebunden.
Zürich zeigt damit, wie eine vernetzte Stadt nicht nur technologische Innovation vorantreibt, sondern auch Transparenz, Teilhabe und ökologische Verantwortung stärkt.
Foto: © Henriquee Ferreira, Unsplash
IMD Smart City Index
Der Smart City Index, auch bekannt als IMD Smart City Index, ist eine Bewertung, die Städte weltweit hinsichtlich ihrer Fortschritte im Bereich der Digitalisierung und Smart City-Initiativen bewertet. Er wird vom IMD (International Institute for Management Development) erstellt, einer bekannten Business School in Lausanne, Schweiz.
Smarte Technologie als Inklusionsfaktor
Das Ziel der Technologie „Virtual Warsaw“ ist, blinden und sehbehinderten Bürgerinnen und Bürgern die Orientierung in Warschau zu erleichtern, sowie ihre Unabhängigkeit und Lebensqualität zu verbessern und sie zu befähigen, ihre Stadt voll und ganz zu erleben.
Warschau hat etwa 40.000 Einwohner mit Sehbehinderungen, deren Zugang zu wichtigen Dienstleistungen, Kultur- und Bildungseinrichtungen bisher stark eingeschränkt war. Ungefähr 80 % dieser Bevölkerungsgruppe sind daher arbeitslos. Ein wichtiger Faktor für diese hohen Raten ist, dass es etwa 65–95 Stunden Arbeit mit einem Einzeltrainer erfordern würde, um zu erlernen, wie man sich sicher in der Stadt bewegt.
Benutzerzentrierte Entwicklung durch ein lokales Unternehmen
Ein Mikronavigationssystem, das auf einer „Internet of Things”-(IoT)-Technologie basiert, ist der persönliche Leitfaden und Assistent, der es jedem Besitzer eines Smartphones ermöglicht, schriftliche oder mündliche Informationen über seine Umgebung zu erhalten, wie zum Beispiel den Standort der Bushaltestellen, die Anzahl der ankommenden Züge, den Eingang zu Museen oder wo er in städtischen Ämtern anstehen kann. Dazu setzte die Stadt ein Netzwerk von Hunderttausenden von Beacon-Sensoren ein, die mit Bluetooth der nächsten Generation ausgestattet sind.
Die Stadtverwaltung Warschaus hat sich dazu mit NGOs wie der Polish Blind People Association, Universitäten und anderen Experten auf dem Gebiet der Sehbehinderung zusammengetan, um die Herausforderungen und Bedürfnisse der Zielgruppe besser zu verstehen, sowie mit Spezialisten für User Experience (UX) Design, Zugänglichkeit und Softwareentwicklung. Die maßgeschneiderte Entwicklung dieses Systems übernahm dann ein kleines lokales Unternehmen. Die enge Zusammenarbeit mit den Nutzern ermöglichte es, frühe Fehler zu eliminieren und genau auf die Wünsche der Sehbehinderten einzugehen. In diesem Prozess zeigte sich, dass eine benutzerzentrierte Entwicklung ein wichtiger Erfolgsfaktor ist.
Obwohl sich „Virtual Warsaw“ noch im Pilotmodus befindet, beginnt es bereits, Möglichkeiten für mehr Unabhängigkeit unter der sehbehinderten Bevölkerung zu schaffen.
Das Projekt ist durchaus übertragbar, denn die Herausforderungen für Menschen mit Sehbehinderungen sind in jeder Stadt gleich.
3 Münster
Grüne-Welle für Radler
Foto: © Mathias Kolta, Smart City Münster
Münster ist bundesweit als Fahrradstadt bekannt: Rund 47 % aller Wege werden hier mit dem Rad zurückgelegt. Die Stadt bietet ein weit verzweigtes Radwegenetz, zahlreiche Fahrradstraßen und mit der autofreien Promenade einen zentralen, sicheren Rundweg für Radfahrende. Ergänzt wird die Infrastruktur durch eine der größten Fahrradstationen Deutschlands mit über 3.500 Stellplätzen. Münster wurde mehrfach für seine fahrradfreundliche Mobilität ausgezeichnet und gilt als Vorreiter der Verkehrswende.
Flüssig durch die Stadt radeln, zur Uni, zum Markt, zum Aasee
Vor diesem Hintergrund entstand das Projekt Leezenflow, ein digitales System zur Unterstützung des Radverkehrs an Ampeln. Über LED-Anzeigen zeigt es rund 150 Meter vor der Kreuzung an, ob Radfahrende bei ihrer aktuellen Geschwindigkeit noch bei Grün über die Ampel kommen. Das Projekt wurde aus einem Bürger-Hackathon heraus entwickelt und in Zusammenarbeit mit Stadt, Universität und IT-Partnern technisch umgesetzt. Nach einem erfolgreichen Prototyp an der Promenade wurde Leezenflow 2023 an neun weiteren Standorten installiert. Leezenflow nutzt für die Kommunikation zur Ampel eine von Fachleuten als Vehicle-to-everything (V2X) bezeichnete Technik, die weltweit entwickelt wurde, damit Busse, Rettungsfahrzeuge und Autos Kontakt zur Ampel und Infrastruktur aufnehmen können. Mit Leezenflow wird diese Technik für den Radverkehr genutzt und die neue Datenübertragung im Live-Betrieb getestet.
4 Bad Hersfeld
Straßenbeleuchtung,
die sich anpasst
Das innovative Vorhaben zur intelligenten Straßenbeleuchtung hat das Ziel, die öffentliche Beleuchtung in der hessischen Stadt effizienter, umweltfreundlicher und bürgernah zu gestalten. Beleuchtung im öffentlichen Raum soll hell sein, aber gleichzeitig Energie sparen. Dem Sicherheitsgefühl von Bürgerinnen und Bürgern muss Rechnung getragen werden, aber die Lichtverschmutzung und CO2-Emissionen sollen minimiert werden. Stichworte wie „Insektenfreundlichkeit“ beschreiben weitere Ziele.
Fotos: © Urban Lightning Innovations GmbH, Technische Universität Berlin
Mehr Sicherheit und weniger Energieverbrauch
Im Rahmen des Projekts werden herkömmliche Straßenlaternen durch moderne LED-Leuchten ersetzt, die mit Sensoren ausgestattet sind. Allein durch den Einsatz energieeffizienter Leuchtmittel konnten innerhalb des Projekts Einsparungen von durchschnittlich 77 % gegenüber dem Istzustand erzielt werden. Diese Werte konnten mit Einsatz der dynamischen Steuerung in bestimmten Situationen bis auf 86 % gesteigert werden.
Die neue Leuchtengeneration ermöglicht eine dynamische Anpassung der Lichtintensität und Farbtemperatur je nach Verkehrsaufkommen, Witterungsbedingungen und Tageszeit. Das System erkennt nasse Fahrbahnen und dimmt die Beleuchtung unabhängig vom Verkehrsaufkommen um bis zu 50 %. So wird beispielsweise in Wohngebieten ein warmweißes Licht verwendet, während auf Hauptverkehrsstraßen helleres Licht zum Einsatz kommt. Ist eine Straße leer und unbenutzt, fährt die Beleuchtung herunter. Diese Anpassungen tragen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit und zur Reduzierung von Lichtverschmutzung bei.
Energie bewusst steuern – per App vor der eigenen Haustür
Ein besonderes Merkmal des Projekts ist die Einbindung der Bürgerinnen und Bürger. In der Eichhofsiedlung können Anwohner über eine speziell entwickelte App die Beleuchtung vor ihren Häusern individuell steuern. Sie haben die Möglichkeit, die Lichtintensität, Farbtemperatur und Lichtverteilung nach ihren Bedürfnissen anzupassen. Diese Funktion fördert das Bewusstsein für Energieverbrauch und ermöglicht eine direkte Beteiligung an der Stadtgestaltung.
Die dabei gesammelten Daten fließen in die städtische Datenplattform „UrbanPulse“ ein, die eine zentrale Steuerung und Analyse ermöglicht. Für die innovative Umsetzung wurde das Projekt mit dem renommierten „Smart 50 Award“ ausgezeichnet, der weltweit zukunftsweisende Smart-City-Initiativen würdigt.
Fotos: © Urban Lightning Innovations GmbH, Technische Universität Berlin
Foto: © Waag Futurelab
5 Amsterdam
Urban Mining:
Schatzsuche nach Rohstoffen
Der weltweite Bedarf an Baumaterialien wird sich bis 2060 voraussichtlich mehr als verdoppeln – von 79 auf 167 Milliarden Tonnen (OECD, 2019). Städte spielen dabei eine zentrale Rolle, nicht nur als Verbraucher, sondern auch als potenzielle Quellen von Rohstoffen.
Das „Urban Mining”-Projekt vom MIT in Amsterdam konzentriert sich auf die Analyse von Gebäudedaten und deren Materialien mithilfe Künstlicher Intelligenz. Bisherige Modelle nutzen Gebäudetypen als Archetypen, um Abrissmaterialien zu schätzen – doch Renovierungen und der gesamte Lebenszyklus von Gebäuden bleiben dabei oft unberücksichtigt. In diesem Projekt von Waag Futurelab werden Bauwerksdaten mit Abfalldaten verknüpft. Dabei sind drei Datenpunkte entscheidend: Materialart, Menge und Ort. Abfalldaten sind zurzeit jedoch oft nur schwer zugänglich oder nur oberflächlich erfasst, daher werden für dieses Modellprojekt aktuell noch Partner gesucht, die entsprechende Daten liefern können. (code.waag.org/puma)
Im neuen Rathaus steckt das alte
Auch in Deutschland gewinnt Urban Mining zunehmend an Bedeutung als Strategie zur Rückgewinnung von Rohstoffen aus bestehenden Gebäuden und Infrastrukturen. Forschungsinstitute wie das Umweltbundesamt betonen die Rolle städtischer Räume als „Rohstofflager der Zukunft“ und fordern eine systematische Erfassung und Wiederverwertung von Baumaterialien.
Ein praktisches Beispiel ist das Rathaus Korbach, bei dessen Neubau Materialien des Altbaus mithilfe des Urban Mining Index gezielt wiederverwendet wurden. Insgesamt konnten 9.848 Tonnen mineralisches Material zurückgewonnen werden, von denen 61 % direkt im Neubau eingesetzt wurden. Darunter waren etwa 1.000 Tonnen hochwertig recycelter Beton, der für das Tragwerk und die Fassade verwendet wurde. Zusätzlich wurden rund 5.000 Tonnen für die Baugrube und das Planum genutzt.
Die Forschung konzentriert sich aktuell auf digitale Tools, etwa Materialdatenbanken und Gebäudepässe, um Kreisläufe besser zu steuern und Urban Mining in die kommunale Planung zu integrieren.
Kilogramm pro Quadratmeter
Die Karte reflektiert den mit Stichproben ermittelten Kupferanteil in den Gebäuden der Stadt Amsterdam. Grün zeigt einen Anteil von 0,50 Kilogramm pro Quadratmeter, an den blauen Stellen ist kein Kupfer enthalten.
6 Aschaffenburg
Ein kollektivesStadtgedächtnis aufbauen
„Aschaffenburg 2.0” ist ein digitales interaktives Stadtlabor zur Erforschung und Vermittlung der Stadtgeschichte. Ziel ist es, gemeinsam ein vielfältiges Bild der Vergangenheit zu zeichnen und individuelle Perspektiven auf die Geschichte Aschaffenburgs sichtbar zu machen.
Alle interessierten Bürgerinnen und Bürger sind eingeladen,
auf der Plattform ihre eigenen Beiträge zur Stadtgeschichte zu verfassen. Im Fokus stehen dabei persönliche Erfahrungen, Erinnerungen oder Recherchen, die einen Bezug zur Stadt und ihrer Entwicklung haben. Die Formen der Beiträge sind bewusst offen gestaltet und man kann Fotos, Videos, Texte, Interviews oder Audioformate wie Podcasts hochladen.
Die Stadtgeschichte wird persönlich
Das Projekt begleitet die laufende wissenschaftliche Aufarbeitung der Aschaffenburger Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert und versteht sich als ergänzende Plattform für partizipative Stadtgeschichtsschreibung. Dabei geht es nicht nur um historische Fakten, sondern auch um emotionale, kritische oder persönliche Sichtweisen auf das städtische Leben und dessen Wandel.
Ziel ist es, auf diese Weise Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verbinden und beides für die Zukunft zu dokumentieren.
Niedrigschwellige Teilnahme für alle Bürgerinnen und Bürger
Die Teilnahme ist unkompliziert: Über die Plattform können Beiträge direkt erstellt und veröffentlicht werden. Alle Epochen, historischen Ereignisse, Denkmäler, Plätze und Gebäude, Persönlichkeiten, Vereine und Institutionen der Stadt können bearbeitet werden, genauso sind ganz persönliche Stadtgeschichten gewünscht, die von Erinnerungen an Kindheit und Jugend in Aschaffenburg erzählen. Dabei ist es möglich, den eigenen Inhalten eine historische Epoche und ein thematisches Schlagwort zuzuordnen. Wer seine Beiträge nicht digital einstellen kann oder möchte, kann sie auch ganz einfach völlig analog im sogenannten „Digitalladen“ vorbeibringen, dort wird sich dann um die Digitalisierung gekümmert.
Nach Prüfung werden die Beiträge öffentlich sichtbar. Der Austausch ist ausdrücklich erwünscht, denn Kommentare und Rückmeldungen zu anderen Inhalten können direkt über die Plattform geteilt werden. Aktuell sind mehr als 130 Beiträge im Online-Archiv verfügbar und täglich kommen neue hinzu.
Eine interaktive Karte hilft zusätzlich bei der geografischen Einordnung der Beiträge. Im mobilen App-Angebot „Aschaffenburger Geschichten” sind die Inhalte des Stadtlabors unterwegs im Stadtraum erlebbar. Über eine „Karte” kann man Audiodateien, Push-Benachrichtigungen und die Möglichkeit verschiedene Routen abzulaufen und zu erstellen, werden Informationen zu Orten und Ereignissen, aber auch persönliche Lebensberichte bereitgestellt. In der App ist eine Auswahl der Stadtlaborinhalte enthalten, die in Zukunft erweitert und aktualisiert wird.
Foto: © Aschaffenburg 2.0 (aschaffenburgzweinull.stadtarchiv-digital.de)
Ein zentraler Beweggrund für die Einführung der Ushahidi-Plattform in Uganda war der Mangel an transparenten Kanälen, über die Bürgerinnen und Bürger Missstände melden konnten. Viele Probleme, wie beispielsweise Polizeigewalt, schlechte medizinische Versorgung oder fehlende Infrastruktur, wurden bislang selten dokumentiert oder von den Behörden ignoriert. Ushahidi ermöglichte es erstmals, diese Informationen systematisch zu sammeln, zu visualisieren und öffentlich zugänglich zu machen. Die Plattform basiert auf einem Crowdsourcing-Ansatz, bei dem Menschen Vorfälle per SMS, E-Mail, Webformular oder über soziale Medien melden können. Diese Berichte werden dann auf einer interaktiven Karte dargestellt und können nach Region, Thema oder Datum gefiltert werden.
Politische Entscheidungen brauchen eine gute Datengrundlage
Die Nutzer von Ushahidi in Uganda sind sehr vielfältig. Dazu gehören engagierte Menschen, lokale NGOs, Journalisten, Wahlbeobachter sowie internationale Organisationen. Gerade in ländlichen Regionen, in denen andere Kommunikationsmittel kaum vorhanden sind, war der SMS-Dienst besonders effektiv. Auch Radiosender haben die Plattform genutzt, um aktuelle Probleme aus der Bevölkerung aufzugreifen und öffentlich zu diskutieren.
Die Vorteile von Ushahidi sind zahlreich. Erstens erhöht die Plattform die Transparenz und Rechenschaftspflicht von Behörden, da dokumentierte Missstände nicht mehr so leicht ignoriert werden können. Zweitens fördert sie die Teilhabe der Bevöl-kerung, da Menschen aktiv an der Gestaltung ihrer Gesellschaft mitwirken können. Drittens verbessert sie die Datengrundlage für politische Entscheidungen und Entwicklungsprojekte, weil sie Informationen liefert, die zuvor oft fehlten. Außerdem ermöglicht sie es Hilfsorganisationen, schneller und gezielter zu reagieren.
Foto: © Frank van den Bergh (iStock)
8 Mekka
Smarte Technologien
im religiösen Kontext
Der Einsatz smarter Technologien im Pilgermanagement in Mekka hat die Organisation Hadsch (Pflichtpilgerfahrt für Muslime zu einem bestimmten Zeitpunkt) und Umrah (freiwillige Pilgerfahrt) grundlegend verändert. Millionen Menschen (1.833.164 Pilger beim Hadsch im Jahr 2024) können heute deutlich sicherer und koordinierter betreut werden. Intelligente Überwachungssysteme und KI-gestützte Analysen erfassen in Echtzeit die Bewegungsströme rund um zentrale Orte wie die Kaaba. So lassen sich Engpässe frühzeitig erkennen und lenken, und Einsatzkräfte werden gezielt und ohne Verzögerung dorthin geleitet, wo sie gebraucht werden.
Für die Pilger bieten digitale Armbänder und mobile Apps hilfreiche Funktionen. Sie zeigen Wege, Gebetszeiten und Gesundheitsinformationen an und ermöglichen bei Bedarf direkte Notrufe. Manche Systeme überwachen sogar Vitalwerte, was bei medizinischen Notfällen schnelle Hilfe erleichtert. Gleichzeitig gewinnen die Behörden wertvolle Daten zur Planung und Optimierung. Bewegungsmuster, Versorgungsbedarfe und Sicherheitseinsätze lassen sich besser analysieren und künftig gezielter steuern.
Die Verbindung aus Technologie und Organisation verbessert nicht nur die Sicherheit, sondern auch den Komfort für Pilger und die Effizienz der Verwaltung. Mekka setzt so Maßstäbe für ein modernes, digital unterstütztes Pilgermanagement.
Foto: © SULTAN (Pexels)
9 Rio de Janeiro
Mehr Durchblick imGassengewirr der Favelas
Rund 4 Milliarden Menschen leben heute in Städten. Doch für etwa 1 Milliarde von ihnen bedeutet das: kein fester Wohnsitz, keine sichere Versorgung, kein Recht auf ein Zuhause – denn sie leben in informellen Siedlungen. Rocinha ist mit etwa 100.000 Einwohnern die größte Favela (marginalisiertes Viertel) Brasiliens und zeichnet sich durch eine dichte, informelle Bebauung mit zahlreichen kleinen Gassen, unentdeckten Abkürzungen und provisorischen Unterkünften aus.
„Favelas 4D“ ist ein Forschungsprojekt des Senseable City Lab am Massachusetts Institute of Technology (MIT), das in Zusammenarbeit mit der Stadt Rio de Janeiro durchgeführt wird. Mithilfe von 3D-Laserscanning-Technologie (LiDAR) wurde die Favela kartiert. Diese Daten zeigen ein digitales Abbild der Örtlichkeiten, das städtebauliche Analysen und Planungen ermöglicht – denn die oft improvisierte Bauweise bleibt auf klassischen Karten und in Google Earth unsichtbar. Die fehlende Präsenz der Favelas auf den Karten steht dabei auch stellvertretend für das fehlende Bewusstsein über die Bedürfnisse ihrer Bewohnerinnen und Bewohner.
Strukturverbesserung durch Sichtbarkeit
Das Scanning ermöglicht eine präzisere Planung und Verbesserung der Infrastruktur, wie beispielsweise die Anbindung an Elektrizitäts-, Trink- und Abwassernetze. Ziel ist es, die Lebensbedingungen der Bewohner zu verbessern und ihnen zu ermöglichen, als offizielle Eigentümer ihrer Grundstücke anerkannt zu werden und formale postalische Adressen zu erhalten.
Selbstwirksamkeit per App
Die App „Smart Favela“ des französischen Unternehmens Toolz eröffnet den Bewohnerinnen und Bewohnern informeller Siedlungen die Möglichkeit, ihre Umgebung aktiv mitzugestalten. Sie können eigene Vorschläge einreichen und direkt über städtebauliche Maßnahmen abstimmen. So entsteht nicht nur ein direkter Draht zur Stadtverwaltung, sondern auch ein besseres Verständnis für die tatsächlichen Herausforderungen vor Ort.
Was großen Infrastrukturprojekten in Rio de Janeiro bislang nicht gelungen ist, schafft diese App: echte Legitimation. Durch die aktive Beteiligung der Bevölkerung entsteht Akzeptanz – und damit ein fruchtbarer Boden für nachhaltige Investitionen in den Vierteln.
Foto: © MIT – Massachusetts Institute of Technology
Foto: © Technologiestiftung Berlin
10 Berlin
Mit der Kiezboxim Notfall online bleiben
Wie lässt sich bei einem großflächigen Stromausfall der Informationsaustausch sicherstellen und dringender Handlungsbedarf weitergeben?
Um auch in Ausnahmesituationen wie bei einem langanhaltenden Stromausfall kommunikationsfähig zu bleiben, ist eine robuste Infrastruktur notwendig, die unabhängig vom regulären Stromnetz funktioniert. In einem Berliner Stadtgebiet wird derzeit ein System getestet, das über solar- oder batteriebetriebene Hotspots ein öffentliches WLAN bereitstellt. Dadurch wird es Einsatzkräften, systemrelevanten Einrichtungen sowie der Bevölkerung ermöglicht, mithilfe von Smartphones Informationen auszutauschen und wichtige Maßnahmen zu koordinien.
10 Berlin
Mit der Kiezboxim Notfall online bleiben
Wie lässt sich bei einem großflächigen Stromausfall der Informationsaustausch sicherstellen und dringender Handlungsbedarf weitergeben?
Stromausfall kommunikationsfähig zu bleiben, ist eine robuste Infrastruktur notwendig, die unabhängig vom regulären Stromnetz funktioniert. In einem Berliner Stadtgebiet wird derzeit ein System getestet, das über solar- oder batteriebetriebene Hotspots ein öffentliches WLAN bereitstellt. Dadurch wird es Einsatzkräften, systemrelevanten Einrichtungen sowie der Bevölkerung ermöglicht, mithilfe von Smartphones Informationen auszutauschen und wichtige Maßnahmen zu koordinien.
Foto: © Technologiestiftung Berlin